Die Geschichte von Gersdorf

Das ist schon ein Ding! In keiner Urkunde findet sich ein Hinweis von der Gründung unseres Ortes. Zwar heißt es in verschiedenen Chroniken aus benachbarten Städten, daß um 1160 die Besiedlung unseres Raumes durch die Franken erfolgte. Das Tal des Hegebaches bot sich zur Ansiedlung an. Hier gab es Wasser, Wald, Grund und Boden. In der Nachbarschaft hatten schon Slawen gesiedelt; Ortsnamen wie Lugau, Oelsnitz, Würschnitz, Lungwitz weisen darauf hin. Aber wie kommt es nun, daß gerade 1169 das Jahr der Gründung bezeichnet wird?

Die Erklärung ist einfach. In den 60er Jahren, so wird gesagt, erfuhr der damalige Bürgermeister Herr Riedel, daß Städte und Gemeinden, die Heimatfeste planen und durchführen wollen, einen nicht unbeträchtlichen Zuschuß vom Staat erhalten sollten. Das war Anlaß genug um in Gersdorf alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die 800-Jahr-Feier des Ortes zu veranstalten. Diese wurde in einer Festwoche vom 13.06. bis 22.06.1969 durchgeführt und hatte mit dem Festzug einen Höhepunkt. Aber wer hat damals schon gefragt, ob das mit den 800 Jahren wahrhaft stimmte?

Die Besiedlung in den späteren Schönburger Landen wurde ganz planmäßig durchgeführt und setzte in den Jahren 1150 bis 1200 ein. Um 1170 zogen auch in das Tal des Hegebaches Siedler ein. Es waren Söhne, die in ihrer Heimat nicht auf einen Hof zu hoffen hatten. Der Siedlungsunternehmer (Lokator), der die fränkischen Siedler in das Hegebachtal brachte, führte den Namen Gerhard oder Gerfried.

Die Flurstücke waren schon vor der Ankunft der neuen Siedler durch die Landvermesser aufgeteilt und wurden zukünftigen Bauern als ihr Besitztum für ihre neue Heimat zugewiesen. Alle Siedler wurden sehr großzügig mit Waldland zum Roden bedacht. Beim Aufbauen der Güter halfen sich die Bauern gegenseitig. Die Höfe wurden in zwei unregelmäßigen Reihen auf beiden Seiten des Baches hochwasserfrei angelegt. Von jedem Hofe lief ein Hufenstreifen bis an die Flurgrenze, der in einem Wald endete. Jeder Einwanderer bekam eine fränkische Normalhufe von 43,2 Acker zugeteilt. Der Siedlungsunternehmer, der die Leute herbrachte, bekam das Doppelte, also 87 Acker. Gersdorf wurde somit ein typisches Waldhufendorf.

Wer dieser Gerhard oder Gerfried war, ist nicht überliefert. Vielleicht war es ein Ritter vom niederen Adel, oder ein Burgmanne der neuen Herrschaft in Glauchau, Waldenburg oder Lichtenstein. Erstmalig wird die Kirche zu Gerfisdorf (Gersdorf) in den Naumburger Bistums-Matrikeln (Verzeichnisse) von 1320 erwähnt. Also muß sie schon einige Jahrzehnte vorher errichtet worden sein. Eine weitere urkundliche Erwähnung von Gersdorf fällt in das Jahr 1439. Vier Güter von Gerfisdorf werden vom Lichtensteiner Schloßhauptmann Henzce von Remse mit Geldzinsen zum Unterhalt seiner beiden Schwestern belegt, die Klosterjungfrauen im Remser Kloster waren.

Bauern, spätere Gärtner und Häusler prägten im Laufe der Geschichte das Ortsbild; drei Mühlen und ein Hammerwerk (1796 abgebrannt) versorgten die Bevölkerung des Umlandes; auch Weberei und Strickerei - größtenteils häuslich betrieben - wurden heimisch; erste Textilfabriken wurden um 1840 gegründet. Gersdorf blühte gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch den Steinkohlenbergbau auf, der bis 1945 einen bedeutenden industriellen Aufschwung brachte. Heute erinnern Bergbaulehrpfade an die Schächte "Teutonia", "Kaisergrube", "Pluto" und "Merkur".

Das Ortswappen zeigt auf weiß-rotem ("Schönburg") und grün-weißem ("Sachsen") Grund den Bergmann mit dem Bauern und die traditionellen Erzeugnisse der ehemaligen Textilindustrie: Handschuh und Strumpf. Der Ort besitzt keinen Eisenbahnanschluss - von Hohenstein-Ernstthal gibt es aber regelmäßigen Busverkehr. Dieser löste 1960 die elektrische Überlandbahn ab - eine Erinnerungsstätte daran gibt es in der Mitte des Ortes. Gersdorf ist heute eine Wohngemeinde.

Viele Städter haben sich schmucke Häuser in Wohnparks geschaffen und fühlen sich in diesem Ort im Grünen wohl. Eine Fabrik findet man kaum noch; nur eine Brauerei, die 1880 gegründet wurde und das edle "Glückauf-Bier" produziert, ist derzeit neben der P.V. Fertig-Schacht GmbH größter Betrieb. Angefangen mit 3000 Hektolitern obergärigem Bier, stieg die Produktion nach Modernisierung der Anlangen stetig an. 1903 waren es bereits 8000, 1925 15.000 und 1999 55.000 Hektoliter Biere in 7 Sorten, die nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut werden.


Auf dem Gelände des ehemaligen "Pluto-Schachtes" entstand ein Industriegebiet; ansonsten gibt es viele mittelständige Betriebe. Im Ortszentrum befinden sich Rathaus, Schule und Marienkirche mit einer romantischen Jehmlich-Orgel, die 1990 gründlich restauriert wurde. Die alte Kirche im Unterdorf war baufällig und viel zu klein; nach Plänen von Professor Schramm aus Zittau entstand zwischen 1862 und 1865 das heutige Gotteshaus. Die Orgel wurde 1868 mit 32 klingenden Stimmen eingebaut und 1913 auf 44 Stimmen erweitert, damit war sie die größte in der Umgebung. Der Brauereigasthof mit dem bezeichnenden Namen "Grünes Tal" mit großem Saal, Küche mit heimischen Gerichten und Übernachtungsmöglichkeiten liegt unweit hiervon.

Auf der gegenüberliegenden Bachseite entdeckt man den gepflegten Volkspark mit Spielplatz. Nicht vergessen darf man das Sommerbad, das zu den schönsten der weiteren Umgebung zählt und jährlich Austragungsort der Internationalen Seniorenschwimmmeisterschaften ist.